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Freitag, 6. Februar 2015

Textfragment KEIN MÄRCHEN!

In jungen Jahren lagen die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm zu nahe an der eigenen kindlichen Realität. Beeinflusst durch mein magisches Denken schaffte das "Es war einmal"nicht den nötigen Abstand, um nach der Lektüre seelenruhig einschlafen zu können. Der Schlusssatz "und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute" war mir Beweis genug, dass all das, was mir wenige Zeilen zuvor vorgelesen wurde, im Jetzt existent sein könnte. Dieser Umstand bescherte mir Gewissheit, dass es sich bei Märchen um wahrheitsgetreue Nacherzählungen handeln musste, die genau das beschrieben, was sich tatsächlich in diversen Hexenhäusern und dunklen Wäldern zutrug. Wie könnte es auch anders sein, wenn irgendwo der Prinz noch immer die Prinzessin küsst, sofern sie nicht gestorben sind…

Keiner konnte mir glaubhaft versichern, dass die Hexe das zeitliche segnete. Schließlich war sie im Stande ein Haus aus Kuchen zu bauen! Da dürfte es ein leichtes für sie gewesen sein, unbemerkt aus dem Backofen zu entkommen um anderenorts – vielleicht ganz in meiner Nähe, weiter ihr Unwesen zu treiben, indem sie Naschkatzen wie ich es war, in die Falle zu locken. An meine Angst vor Wölfen mag ich heute noch nicht denken! Oft genug wurden mir seine Brüder im Tierpark vorgeführt. In Anbetracht der Überreste diverser Wolfsmahlzeiten war mir als Kind klar, dass der 7-Geislein-verspeisende Wolf nicht aus seiner Art geschlagen war, sondern in Herberstein seinesgleichen finden würde. Meine kindliche Überzeugung bescherte mir so manch schlaflose Nacht, in der ich stark schwitzend unter der Bettdecke mein frühzeitiges Ableben herannahen hörte, wenn meine Mutter an meinem Zimmer vorbei schlich.

Mein eigenes Leid als Kind vor Augen und dem Drängen meiner Tochter nachkommend, machte ich mich auf die Suche nach Märchen, die in mir keine, von Angst geprägten Kindheitserinnerungen wachriefen. Ich schlug das Märchenbuch auf und wurde fündig: Die Brehmer Stadtmusikanten!
Ich erinnerte mich daran, dass dieses Märchen spurlos an mir vorüber gegangen war. Nichts in meiner Erinnerung erzeugte Gänsehaut. Im Gegenteil – für mich waren die Brehmer Stadtmusikanten eine hervorragende Möglichkeit, seelenruhig einzuschlafen. Keine Zeile brachte mein kindliches Leben in Gefahr. Gänzlich unbeeindruckt schlief ich regelmäßig darüber ein, denn alte Tiere die ausrangiert werden, hatten mit meiner damaligen Vorstellung von Gefahr nichts zu tun.

Entspannt begann ich zu lesen, wissend, dass keine Hexe in meiner Fantasie wiederauferstehen würde. Das vertraute "Es war einmal" ging leicht von den Lippen und ich sah den nächsten 15 Minuten des Vorlesens entspannt entgegen. Nach dem ersten Absatz, indem die Flucht des alten, unbrauchbaren, kostenintensiven, leistungsschwachen Esels beschrieben wird, stieg in mir ein äußerst beklemmendes Gefühl hoch. Ich dachte, es sei meine altbekannte Märchenphobie und las tapfer weiter. Ein nutzloses Tier folgte dem nächsten und mit jedem Schicksal wurde in mir das Bild, das mir auf dem Herzen lag, klarer: Dieses Märchen lag verdammt nahe an meiner Erwachsenenrealität!
Ständig wurde ich an Geschichten aus meiner unmittelbaren Umgebung erinnert, in denen sich einstige Helden von der plötzlich eigenen Nutzlosigkeit erschüttern ließen. Vieles von dem, was in den wenigen Zeilen beschrieben wurde, füllt Protokollseiten diverser Beratungsstellen und Gerichtsakten die das Abwehren des unausweichlichen „weg mit dir!“ dokumentieren.

Ausgemustert und als Kostenstelle untragbar zu werden, weil die eigene Leistung im Auge des Controllers in keinem wirtschaftlichen Verhältnis zu der jahrzehntelang erarbeiteten Gehaltsstufe stände, befördert eine ungemütliche Wahrheit zu Tage! Nämlich, nicht bis zur Bahre das Letzte geben zu können. Im Unterschied zu den Brehmer Stadtmusikanten gibt es statt dem Happy End ein tragisches Schicksal, dass sich in der herannahenden Zukunft in einer Senioreneinrichtung erfüllt.
Meine Angst vor dem eigenen Alt-werden stieg in mir empor. Wie wird das einmal sein? Wie lange kann ich meinen Beruf, den ich über alles liebe und der mir meinen Sinn verleiht, ausüben? Was mache ich, wenn ich darauf hingewiesen werde, meinen Platz zu räumen, um Raum zu schaffen für jene, die zukünftig die gewünschte Leistung zum halben Preis bringen? Muss ich mich auch zum Teufel scheren, um nicht auf der Schlachtbank zu landen? Und was geschieht mit mir, wenn ich ausschließlich Kosten verursache und keine andere Leistung mehr erbringen kann, als selbständig die Toilette aufzusuchen? Trotz meines musikalischen Talents, das jeden in die Flucht schlägt, frage ich mich, ob ich jemals so flexibel sein werde, um mein Leben, reich an Jahren, noch einmal auf den Kopf zu stellen? Habe ich das Zeug zum Brehmer Stadtmusikanten?


Auf halber Textstrecke war ich gänzlich in Fragen verstrickt, die meine eigene Zukunft oder vielmehr die Angst davor, betrafen. Mein Vorlesen verlor jegliche Spannung und litt massiv unter meinen bedrückenden Zukunftsvisionen. Meine Tochter blickte meinem Vortrag offensichtlich überdrüssig, an mir hoch und meinte bestimmt:" Das Märchen ist langweilig! Lies etwas Spannendes!" Ich sah sie im ersten Moment verstört an und erfüllte ihr den Wunsch umgehend. Sollte sie sich doch ein wenig vor der Hexe fürchten - die Angst vor den Brehmer Stadtmusikanten kommt früh genug und hält an, bis zum bitteren Ende!