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Sonntag, 17. August 2014

Textfragment Sommer 1989

Ich hoffe auf einen Sommer! Einen, wie damals 1989! Reich an Eindrücken blieb er mir lebhaft in Erinnerung und beeinflusst mich noch heute, 25 Jahre später. Ich war 12, das erste mal unsterblich hoffnungslos verliebt, bekam meinen ersten flüchtigen Kuss, der wohl zu den schamhaftesten wie reinsten zu zählen ist und ich wurde Zeuge von Ereignissen, die mein kindlich unbeschwertes Auge zwar erfasste, zu dem damaligen Zeitpunkt jedoch nur mit meinem Herzen begriffen werden konnte. Jahre später werde ich erst die Worte finden, die das umschreiben, was mich derart bewegte, sodass ich heute noch davon träume. Mehr noch - vielleicht fand ich in jenen Tagen zu diesem Gefühl, dass meinem Streben nach "zwischen Menschen Menschlichkeit" heute noch Befriedigung verschafft.

Die Sommer meiner Kindheit schienen unendlich. Das lag vermutlich daran, dass die alltägliche Wiederkehr von Tomatensalat, Freibad und des omnipräsenten Niveasonnenmilchduftes wenig Abwechslung bot, die den Eindruck von kurzer Weile hinterlassen hätte können. Die vorstellbaren Abenteuer spielten im Kopf denn die Welt war zu teuer, als dass es sich der Arbeiter, mein Vater, es sich hätte leisten können, sie mir zu zeigen. Zum Trost bot man mir die Welt der Tagesausflüge, die meist auf der Riegersburg endeten. Im Radio lief täglich Ö1, was sich im nachhinein als durchaus unüblich für Arbeiterfamilien erwies, wie ich später feststellte.

Die dargebotene Sicht auf die Welt schallte durch ein altes Radio, das ursprünglich meinem Großvater gehörte und damals in der Küche stand. Meine Mutter hielt sich dort ständig auf, was in erster Linie auf den guten Radioempfang in diesem Raum zurückzuführen war und weniger mit den hausfraulichen Küchenpflichten, auf die meine Mutter damals schon lautstark pfiff, wenn es nicht unbedingt notwendig war. Das Radio und meine Mutter waren und sind untrennbar miteinander verbunden. Der Lautstärkenregler war entbehrlich, besonders wenn Chopin zum Besten gegeben wurde. Während der Hörspiele, die meine Mutter über alles liebte, hatte ich als Kind Sprechverbot. Gespannt verfolgte sie den Geschichten, die in verteilten Rollen von einer literarischen Welt erzählten, in der meine Mutter gerne zuhause gewesen wäre. Als Antwort auf manches Drängen nach den profanen Dingen des Lebens, wie es meine Mutter bezeichnete, wenn es um gebügelte LieblingsT-shirts ging, erntete ich ein bestimmendes "Bscht". Das galt auch für das Nachfragen, wann denn nun das Mittagessen fertig sei. Um diese Zeit war Mittagsjournalzeit  und in den Tagen im August 1989 stand meiner Mutter nicht der Sinn nach kochen.

Ich wusste damals nicht viel. Schlagworte wie Planwirtschaft waren geläufig und mein Verständnis, was das alles bedeuten hätte können, hätte ich intensiver darüber nachgedacht, fiel den frühpubertären Ablenkungen zum Opfer. Die Unterschiede der gegenüberstehenden Wirtschaftsformen wurden Punkt für Punkt aufgelistet, auswendig gelernt und in regelmäßigen Abständen abgefragt. Die damalige Ordnung Europas spielte im Lehrplan meiner Kindheit durchaus eine Rolle, wobei auf die Nachvollziehbarkeit wenig Wert gelegt wurde. Vermutlich lag es daran, dass der eiserne Vorhang nur Hypothesen über die jeweils andere Seite zuließ. Meine familiäre Umgebung gab sich auf jeden Fall mit Hörensagen zufrieden und konstruierte daraus Wahrheiten, die verherrlichten und verteufelten, je nachdem, wer darüber sprach. Mein Vater wusste ausschließlich unreflektiert Gutes zu berichten, meine Großmutter verlor kein gutes Wort über die im Osten, die eben dazu beitrugen, dass all das vernichtet wurde, woran sie in ihrer Jugend glaubte, dem sie blind nachlief und dem sie viel opferte - Jugend, wie Menschen, die sie liebte. Im Grunde wussten wir alle nichts. Als Kind hatte ich zumindest nicht den Anspruch oder den Ehrgeiz, etwas über die Länder jenseits von Vorhängen sagen zu müssen. Ich beschränkte mich auf das Zuhören, wenn meine Eltern darüber diskutierten und mein Vater regelmäßig darüber mit seiner Mutter in Streit geriet. Trotz der räumlichen Nähe schienen diese Länder und das Leben dort unerreichbar fern zu sein. In meiner naiven Fantasie hatte der Zug, der nach St. Gotthard weiterfuhr, in einer anderen Welt Endstation. Einer Welt, die so nah und so weiß war wie es unbekannte Flecken auf Landkarten nur sein können.

Das Ohr meiner Mutter klebte an jenen Tagen im August 1989 nahezu am Radio. Ich bemerkte, wie aufmerksam sie die Nachrichten verfolgte. Sobald sie den Nachrichtenjingle vernahm, stellte sie das Radio noch lauter, sodass sich die Worte beinahe überschlugen. Das "Bscht" wurde profilaktisch verordnet und um "Jetzt ist..., das ist wichtig!" ergänzt. Es folgte "Die Meldungsübersicht..." und schnell konnte ich die Schlagworte identifizieren, nach denen die Aufmerksamkeit meiner Mutter suchte. Woher sie wusste, dass die Ereignisse, die noch folgen würden so wichtig waren, habe ich nie herausgefunden. Es war so, als würde sie etwas ahnen, von dem sie annahm, dass es ihr Leben verändern würde. Erst spielte man auf Nebenschauplätze der Nachrichten. Von Ungarn war die Rede, wobei eigentlich kein klares Wort darüber verloren wurde. Es wurde erwähnt und nichts angedeutet. Heute vermute ich, dass die fehlende Andeutung meine Mutter hellhörig werden ließ. Sie blieb bis heute dem Motto treu: keine Meldung darüber ist auch eine Meldung darüber! Spannung lag in der Luft, besonders wenn mein Vater von der Arbeit heimkam und fragte, was es Neues aus Ungarn gäbe. Ich bemerkte die besorgten Gesichter und auf mein Nachfragen hin bekam ich für meine damaligen Begriffe kryptische Antworten, die mehr Auskunft über den Prager Frühling gaben als über das, was eigentlich nicht und auf jeden Fall unausgesprochen in Ungarn zu Gange war. Meine Eltern waren sprachlos, da es nichts gab, worüber man hätte sprechen können, nachdem sie nichts wussten und die Informationen, die Licht ins Dunkel hätte bringen können, fehlten. Aufklärung fand statt, als es statt fand: Das paneuropäische Picknick!

Die Bilder überschlugen sich um den 19. August. Ich erinnere mich, wie der Fernseher meine Eltern, die an und für sich nichts vom Fernsehen hielten, da es den Menschen dumm hielte, wenn er sich ausschließlich damit beschäftige, zum Zusehen zwang. Einig wie selten saßen sie davor und starrten auf die bewegten Bilder, die bewegten. Immer wieder fuhr es aus meiner Mutter heraus:" Sie schießen nicht! Schau bitte, sie schießen nicht!" und ich sah Menschen, die vor etwas davon liefen um auf etwas zuzulaufen, dass sich in den darauffolgenden Monaten als Neuordnung Europas entpuppen wird. Ich selbst war gefesselt. Mein Herz schlug bis zum Hals und selbst jetzt, wenn ich diese Zeilen schreibe, ergreift mich dieses Gefühl, das mich zu Tränen rührt. Kein Tropfen Blut wurde vergossen und die Tränen meiner Mutter, die sie versuchte zurückzuhalten, kullerten erleichtert über ihre Wangen. "Sie haben sich einfach umgedreht - sie sehen einfach weg!" kommentierte meine Mutter unaufhörlich, schon längst andere Bilder mit ihren aufmerksamen Augen verfolgend. Sie haben der Geschichte ihren Lauf gelassen. Plötzlich war das Weltgeschehen zu Gast in unserem Wohnzimmer. Ich habe noch immer den Zuruf meiner Mutter im Ohr, als ein junger Mann mit einem kleinen Kind am Arm auf die Grenze des Fernsehapparates zulief und meine Mutter aus Leibeskräften brüllte: "Lauf!" Noch immer ungläubig, dass kein Schuss fallen würde. Das es sich nicht um Livebilder handelte, war egal.  Ich wusste nicht, wie viele Menschen es waren, wer hier flüchtete und vor allem vor was diese Menschen Reißaus nahmen. Das entzog sich meiner damaligen Welt gänzlich. Ich habe nur gefühlt. Heute würde ich sagen es war Solidarität, die mich damals bis in die Haarspitzen erfüllte und mich mitzittern ließ. Selbst mein Vater, der sich mehr als andere dem Sozialismus verpflichtet fühlt, war ergriffen von den Bildern und bangte mit jedem, der das Loch im Zaun passierte, hoffend, das es einen guten Ausgang finden würde. In diesem Moment rückten wir alle ein Stück zusammen. Wir als Familie und die Welt, so wie ich sie damals wahrgenommen habe.Sofort wurde Platz geschaffen für diese Menschen, die nicht mehr dabei hatten als das, was sie mit sich trugen. Sie liefen in offene Arme und in offene Herzen. Man umarmte sich, man lachte weinend miteinander. Der Moment zählte. Ich erinnere mich nicht, dass jemand gefragt hätte, ob das legal wäre, was vor Augen aller geschah. Das Helfen stand im Vordergrund. Keiner der dort Anwesenden und selbst wir in unserem Wohnzimmer verschwendeten einen Gedanken daran. Als die Mauer fiel verstanden meine Eltern das Zeichen, das dieses paneuropäische Picknick setzte. Ich verstand erst, als in Jugoslawien die ersten Schüsse fielen. Friedvoll würde diese eine Wende vor sich gehen. Ohne Gewalt und unzählige Tote. Geschichte wurde geschrieben und eine Zwölfjährige fieberte mit.

Ich selbst war nicht vor Ort - mit meinem Herzen war ich dabei - wie heute, wenn es nur dem Herzen möglich ist für den Frieden zu schlagen!