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Sonntag, 11. Mai 2014

Textfragment Wurst

Gerührt sitze ich am Frühstückstisch und starre ungläubig auf Ergebnisse, denen ich nie zuvor Bedeutung geschenkt hätte. Meine Augen warten auf einen hypothetischen Scherz, der in seiner Absurdität mit der Schwergläubigkeit meiner Selbst sein Spiel treibt. Ich höre: "Es stimmt, sie hat gewonnen!" eingebettet in einem Strauß wohlwollend sanfter Kichertöne. "Was konkret hat gewonnen?" frage ich mich, ohne weitere Antwortmöglichkeiten zuzulassen. Meine blinde Euphorie, dass Toleranz und der Wunsch danach triumphiert hat, schenkt der Möglichkeit der musikalischen Ästhetik weder Platzt noch Gehör. Ich will keine Fragen zulassen und mich schlicht freuen über die Ausdrücklichkeit eines großen Traums, geträumt von vielen, die in der Vergabe von Punkten ihre Greifbarkeit signalisiert. Ich lese die Kommentare um Stimmungen und Bewegmotive einzufangen, die letztlich darüber entscheiden, was davon in die Welt getragen wird. Ich lese von Träumen, vom Sieg der Toleranz und von Respekt, der einer Kunstfigur, die kontroversieller nicht sein könnte, entgegen gebracht wird. Ich lese vom "Anders-Sein", das getragen von Akzeptanz nicht nur ertragen sondern tatsächlich als Chance wahrgenommen und gefeiert wird.

Meine schlichte Freude versüßt mir den Kaffee, der mich durch seinen bitteren Abgang unerbittlich daran erinnert, mein Bild und meine Interpretation des selben zu überprüfen. Auf welchen Zug springe ich auf und wovon lasse ich mich tragen? Ist es so, dass hier etwas Ausdruck findet, wonach sich Menschen sehnen und wofür ich noch immer mittels Unverstand verprügelt werde? Was bedeutet dieses Ergebnis in Hinblick auf anderes "Anders-Sein"? Ist es ein Funke, der durch das Schüren des Strohfeuers zum Flächenbrand werden kann? Vielleicht. Ich wünsche es mir. Gleichzeitig drängt sich in mir die Angst vor meinem möglichen Irrglauben unweigerlich in den Vordergrund. Ich habe Angst, dass die vortrefflich inszenierte Freakshow lediglich das Amüsierbedürfnis der Zuschauer befriedigt und diese wiederum, dankbar für den Moment des Eintauchens in eine fremde Welt, ihre Stimme abgegeben haben, selbst in der Annahme, dass das alles mit ihrer Welt nichts zu tun haben braucht. Ich habe Angst, dass das wofür sie steht nur an Oberflächen kratzt, ohne Eingang zu finden in die Herzen und in den kollektiven Verstand, der sich nach wie vor vor dem Fremden mit Stacheldraht schützt. Glauben fällt mir schwer, Hoffen dagegen ist mein täglicher Begleiter. In diesem Sinne hoffe ich, dass meine Interpretation des Sieges gewonnen hat und wir uns vielleicht in einer Welt wiederfinden, in der das "Anders-Sein" WURST ist!